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Mut zum Sprechen

    Mut zum Sprechen

    Im Auditorium ist es vollkommen still. Nur das leise Summen der Scheinwerfer und das unermüdliche Krächzen der Krähen draußen durchbrechen die Stille. Dann setzt die Musik ein.

    Zunächst kaum hörbar. Langsam füllt das kraftvolle Crescendo einer Orgel den Saal: „Also sprach Zarathustra“. Seit 2009 muss jede kanthari-Teilnehmerin und jeder Teilnehmer dieses Musikstück über sich ergehen lassen, bevor die erste Dream Speech (Traumrede) beginnt.

    Für alle, die kanthari noch nicht kennen: Während des Kurses halten die Teilnehmenden insgesamt drei Dream Speeches oder Reden. Die erste findet kurz nach ihrer Ankunft statt, die zweite nach Akt Zwei, wenn ihre Konzepte bereits deutlich Gestalt angenommen haben. Die dritte und letzte Rede präsentieren sie schließlich bei den kanthari TALKS im Dezember – einer Veranstaltung im Stil von TED-Talks.

    Während die kanthari TALKS vor einem internationalen Publikum stattfinden und weltweit live übertragen werden, wird die erste Rede ausschließlich auf dem Campus gehalten. Allerdings gibt es einen kleinen Haken: Niemand weiß, ob er oder sie als Erster, Zweiter oder ganz zum Schluss aufgerufen wird. Alle müssen jederzeit bereit sein.

    Das Musikstück von Richard Strauss, das durch Stanley Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum weltberühmt wurde, ist längst zu einem festen Bestandteil der kanthari-Tradition geworden. Siebzehn Jahrgänge von Teilnehmenden haben diese ersten Takte gehört – und viele Alumni berichten noch heute, dass ihr Adrenalinspiegel sofort ansteigt, sobald die Musik erklingt.

    Wusstest du, dass öffentliches Reden regelmäßig zu den größten Ängsten der Menschen zählt? In vielen Studien wird diese Angst auf eine Stufe mit schweren Krankheiten oder dem Verlust nahestehender Menschen gestellt.

    Doch warum eigentlich? Haben Menschen wirklich Angst davor, vor anderen zu sprechen? Davor, den Faden zu verlieren oder plötzlich nicht mehr weiterzuwissen? Oder steckt etwas viel Tieferes dahinter?

    Vielleicht fürchten wir uns davor, beurteilt zu werden. Uns zu blamieren. Von anderen abgelehnt zu werden, weil wir etwas aussprechen, dem nicht alle zustimmen.

    Vor diesem Hintergrund wird deutlich, was wir unseren neu angekommenen Teilnehmenden bereits nach einer einzigen Woche auf dem Campus abverlangen. Sie stehen auf einer Bühne vor Menschen, die sie kaum kennen. Eine Videokamera zeichnet jedes Wort auf. Vor ihnen sitzen die Catalysts und tippen ihre Beobachtungen in ihre Laptops, während die Teilnehmenden sich im wahrsten Sinne des Wortes öffnen.

    Und genau darum geht es bei dieser ersten Rede.

    Die Aufgabe klingt auf dem Papier ganz einfach:

    Zehn Minuten über das Problem sprechen, das sie lösen möchten, über ihre persönliche Geschichte und über die Lösung, die sie sich vorstellen.

    Ganz schön viel verlangt.

    Keines dieser Themen ist einfach.

    Ich habe bereits darüber geschrieben, wie schwierig es ist, ein Problem klar zu definieren. Eine Lösung zu beschreiben, die noch gar nicht vollständig entwickelt ist, ist eine Herausforderung für sich. Doch über das eigene Leben zu sprechen? Über schmerzhafte Erinnerungen, Wendepunkte, Enttäuschungen, Ängste und Erfahrungen, die vielleicht jahrelang tief verschlossen waren? Und all das vor Menschen, die man kaum kennt?

    Ist das nicht zu viel verlangt – und das schon so früh?

    Nach den Reden dieser Woche muss ich sagen: Nein.

    Wir haben viel verlangt – aber wir haben es von genau den richtigen Menschen verlangt.

    Eine Person nach der anderen trat auf die Bühne. Manche waren nervöser als andere, manche strukturierter, manche besser vorbereitet.

    Doch jede einzelne vollbrachte eine der mutigsten Handlungen überhaupt: öffentlich zu sprechen und dabei ganz bei sich selbst zu bleiben.

    Sie sprachen frei aus dem Herzen. Sie vertrauten uns ihre tiefsten Verletzlichkeiten an – körperliche wie seelische Wunden –, ohne dabei in Selbstmitleid zu verfallen. Ruhig, sachlich, selbstbewusst und mit beeindruckender Stärke erzählten sie ihre Geschichten. Viele berichteten zum ersten Mal überhaupt von Vernachlässigung, Obdachlosigkeit, Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt oder Verfolgung.

    Und dennoch gab es in jeder einzelnen Geschichte etwas Bemerkenswertes:

    Hoffnung.

    Immer gab es einen Weg nach vorn. Niemand sah sich selbst als Opfer. Stattdessen war da der entschlossene Wille, persönliches Leid in eine größere Aufgabe zu verwandeln.

    Unter den diesjährigen Teilnehmenden sind Überlebende von Vergewaltigung und Gewalt, Menschen, die Einsamkeit, gesellschaftlichen Druck, Armut, Krieg, Diskriminierung oder die verheerenden Folgen des Klimawandels erlebt haben. Doch niemand von ihnen lässt sich durch das definieren, was geschehen ist. Stattdessen schöpfen sie Kraft aus ihren Erfahrungen und verwandeln sie in Ideen für gesellschaftlichen Wandel.

    Während ich ihnen bei ihrer ersten Dream Speech zuhörte, musste ich an meine eigenen ersten öffentlichen Auftritte denken – an Vorträge, Lesungen und Fernsehinterviews in den Anfangsjahren von Braille Without Borders in Tibet.

    Ich erinnere mich noch gut daran, wie schwer es mir fiel, über schmerzhafte Erlebnisse zu sprechen: über die Ausgrenzung durch meine Mitschüler nach dem Verlust meines Augenlichts, über die Herausforderungen beim Aufbau unserer Blindenschule oder darüber, von deutschen Behörden nicht ernst genommen zu werden.

    Diese Erfahrungen mussten erzählt werden, weil sie uns zu den Menschen gemacht haben, die wir heute sind.

    Doch erst mit der Zeit und durch unzählige Vorträge gelang es mir, mich innerlich von diesen schmerzhaften Erinnerungen zu lösen. Es brauchte Hunderte von Reden, bis ich darüber sprechen konnte, ohne von Wut, Verletzung oder Scham überwältigt zu werden – und dennoch so, dass sich die Geschichte für mein Publikum anfühlte, als wäre sie gerade erst geschehen.

    Die diesjährigen Dream Speeches haben einen äußerst vielversprechenden ersten Eindruck hinterlassen. Umso mehr freue ich mich schon jetzt auf die kanthari TALKS am 11. und 12. Dezember 2026.

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