Nach der Flut
von Sabriye Tenberken
Seit einer Woche schlafe ich schlecht. Die „Wellenträume“, die ich schon während meiner Studienzeit hatte und die später zurückkehrten, als Paul und ich zum ersten Mal in Tibet lebten, sind wieder da.
Vielleicht liegt es an den schrecklichen Nachrichten aus der Grenzregion zwischen Nepal und Tibet. Diese Gegend kennen wir gut. Vor 26 Jahren erlebten wir dort selbst eine schwere Überschwemmung. Wir waren damals auf dem Weg von Tibet nach Nepal und hatten keine Ahnung, was uns auf der anderen Seite des Flusses erwartete. Als wir die Grenze erreichten, waren ganze Straßenabschnitte weggespült, Brücken eingestürzt und riesige Erdrutsche hatten Busse und Fahrzeuge in tiefe Schluchten gerissen.
Was heute in meinen Träumen zurückkehrt, sind vor allem die Überquerungen der tosenden Flüsse: Paul und ich mit unseren Rucksäcken auf dem Rücken, auf einem schwankenden Holzbrett über dem Wasser. Und der Abstieg über einen Berg aus Schlamm, der noch immer in den Abgrund rutschte.
Früher waren die Wellen in meinen Träumen eine unmittelbare Bedrohung. Später verwandelten sie sich in eine Wolke, durch die ich hindurchflog, bis sie schließlich ganz verschwanden. Rückblickend hatte ich das Gefühl, dass die Träume aufhörten, als Paul und ich gelernt hatten, mit den möglichen Katastrophen umzugehen. Trotz aller Herausforderungen blieb da ein Grundgefühl von Sicherheit: Irgendwie würde es weitergehen.
Heute stehe ich in meinen Träumen am Rand. Ich sehe die Wasserwand und höre das Grollen der Flüsse aus dem Himalaya. Ich kann nur zuschauen und fühle mich angesichts dieser Gewalt hilflos.
Vielleicht hat das mit unserer heutigen Situation bei kanthari zu tun. Auch hier stehen wir an der Seite unserer Teilnehmer, hören ihre Geschichten und fragen uns manchmal: Wie sollen sie aus all diesem Chaos jemals wieder herauskommen?
Da ist zum Beispiel ein Teilnehmer aus Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens. Sein Dorf liegt abgelegen nahe der Grenze zu Myanmar. Die Kinder brauchen Stunden bis zur nächsten Schule, Straßen sind oft unpassierbar, Schulen schlecht ausgestattet. Wer keine Perspektive hat, schließt sich manchmal bewaffneten Gruppen an – und selbst wer Erfolg hat, muss mit Erpressung rechnen.
Er möchte seinem Dorf eine bessere Zukunft geben. Irgendwann entdeckt er eine mögliche Stärke: den Bambus. Vielleicht, so seine Idee, könnte das Dorf zu einem Zentrum für Bambuswissen werden – für Bau, Möbel, Lebensmittel, Textilien und vieles mehr.
Eine andere Geschichte kommt aus Afghanistan. Unser Teilnehmer hat drei Töchter und große Angst um ihre Zukunft. Seit 2021 dürfen Mädchen nach der sechsten Klasse keine reguläre weiterführende Schule mehr besuchen, Frauen sind von Universitäten ausgeschlossen. Als wir ihn fragen, welche Berufe er seinen Kindern ermöglichen möchte, antwortet er sinngemäß: Warum überhaupt von Berufen sprechen? Ist Bildung nicht schon Ziel genug?
Eine Teilnehmerin aus Simbabwe hat zwei gewalttätige Ehen überlebt. In ihrer Gemeinschaft wird sie dafür nicht als Überlebende gesehen, sondern als „Returned Soldier“ – eine abwertende Bezeichnung für geschiedene Frauen. Sie möchte den Begriff umdeuten: Aus einer Beleidigung soll ein Zeichen der Stärke werden. Vielleicht sogar der Name einer Rockband: The Returned Soldiers – Frauen, die sich nicht dafür schämen, eine gewalttätige Ehe überlebt zu haben.
Und dann ist da ein Friedensaktivist aus der Republik Kongo. Er möchte mit einem mobilen Aufnahmestudio von Dorf zu Dorf fahren und Menschen ihre Geschichten erzählen lassen. Aus diesen Geschichten sollen Lieder und Podcasts entstehen. Weil politischer Protest unterdrückt wird, kann Kunst ein anderer Weg sein, Stimmen hörbar zu machen. Seine Podcasts nennt er inzwischen „Poetcasts“.
Nur der afghanische Teilnehmer sitzt noch da und sucht nach einer Idee. Wie kann er die Energie der vielen Denker und Macher, Frauen und Mädchen in seinem Land wieder entfachen? Vielleicht durch digitale Bildungsangebote. Doch selbst das ist schwierig, wenn es keinen Internetzugang gibt oder niemand ein kaputtes Gerät reparieren kann.
Die Situation ist düster. Aber wie bei den Trümmern nach einer Flut beginnt Veränderung damit, ein Hindernis nach dem anderen freizulegen. Neue Wege müssen gefunden werden, durch die Veränderung entstehen kann. Manche Ideen sind bereits unterwegs. Andere müssen noch viele Hindernisse überwinden.
Auch an der Grenze zwischen Nepal und Tibet ist die Gefahr noch nicht vorbei. Nach der jüngsten Flut hat sich hinter Geröll ein See gebildet. Das Wasser scheint teilweise abzufließen, doch ein weiteres, größeres Wasserreservoir wird weiterhin überwacht.
Unsere Gedanken sind bei allen Menschen in Nepal und Tibet, die von der Katastrophe betroffen sind. Und wir hoffen sehr, dass die Unterstützung, die sie jetzt brauchen, nicht nach den ersten Tagen wieder abreißt.
