Wenn Schule anders sein darf
von Sabriye Tenberken
Jedes Jahr verlassen die kanthari-Teilnehmende für eine besondere Lernreise den Unterrichtsraum und machen sich auf den Weg, um andere Organisationen und Bildungsinitiativen kennenzulernen. Sie treffen Menschen, die neue Wege gehen, stellen Fragen, beobachten und diskutieren – und suchen nach Ideen, die sich auf die eigene Arbeit übertragen lassen.
Dieses Jahr waren die Teilnehmende in drei Gruppen unterwegs: zu den Themen Bildung, Umwelt und Soziales. Ich begleitete die Bildungsgruppe.
Unsere Reise führte uns zu Schulen, Hochschulen und alternativen Lernorten. Besonders eindrucksvoll war eine Schule für Kinder aus indigenen und benachteiligten Gemeinschaften in Karnataka. Dort wird Lernen stark mit praktischen Erfahrungen verbunden.
Die Schule sah ganz anders aus als eine klassische Schule: Die Klassenräume waren ungewöhnliche, fünfeckige Hütten, dazu gab es Werkstätten für Elektronik, Schneiderei, Holzarbeiten und Kunst sowie zahlreiche Sport- und Bewegungsangebote. Mathematik wurde beispielsweise in einem Spiel mit Springfeldern vermittelt.
Auch die Kleidung war Teil des Konzepts: Alle Kinder – Mädchen und Jungen – trugen die gleiche dunkle Uniform, ebenso wie die Lehrkräfte. So musste niemand Angst haben, sich beim Spielen oder Lernen schmutzig zu machen.
„Lehrer sind eher Reisebegleiter“, erklärte uns ein Mitarbeiter. Die Kinder haben viele Möglichkeiten, ihren eigenen Interessen zu folgen und in den Werkstätten selbstständig zu experimentieren.
Doch eine Frage blieb: Wie schneiden diese Kinder später in einer Welt ab, in der Leistung, Effizienz und klassische Schulabschlüsse eine große Rolle spielen?
Die Antwort bekamen wir bei einem Besuch in einer ganz anders organisierten Schule – einer Militärschule für begabten Kindern. Dort gab es unter anderem einen beeindruckenden Wissenschaftspark mit Experimentierstationen zu Kräften, Reibung und Energie. Alles war sorgfältig aufgebaut – doch kaum ein Kind war dort zu sehen. Die Schülerinnen und Schüler kamen nur dann in den Park, wenn die Lehrkraft sie dazu aufforderte.
An der ersten Schule dagegen wurde überall gespielt, ausprobiert und gelernt. Und als wir nach den Ergebnissen fragten, wurde es besonders interessant: Bei regionalen und überregionalen Schulwettbewerben erzielten die Kinder der freien, erfahrungsorientierten Schule die besten Ergebnisse. Die Schüler der streng geführten Schule lagen deutlich dahinter.
Damit stellte sich für uns eine neue Frage: Was hält die natürliche Neugier von Kindern lebendig – und wie können wir diese Lust am Lernen bis ins Erwachsenenalter bewahren?
Eine Schule ohne Lehrer
Eine mögliche Antwort fanden wir bei Abhijit, einem kanthari von 2015. Seine Organisation project-DEFY stellt die klassische Vorstellung von Schule grundlegend infrage.
„Eine Schule ohne Lehrer“ lautet sein Ansatz. Es gibt keine Lehrer, aber auch keine Schüler im klassischen Sinne, keine Klassen, keinen Lehrplan, keine Altersgruppen und keine Uniformen. Menschen kommen mit einer Idee oder einfach aus Neugier. Statt fertige Antworten zu liefern, helfen die Facilitators mit Fragen dabei, eigene Lösungen zu entwickeln.
Ein Teilnehmer verwandelte beispielsweise kaputte Laptop-Bildschirme in Fernseher, andere veröffentlichten ein Gedichtbuch oder bauten Möbel aus Abfall.
Abhijit stellte uns eine Frage, die uns während der gesamten Reise begleitete:
Warum sind alternative Lernangebote oft nur für privilegierte Menschen gedacht – und nicht für alle, die lernen möchten?
Lernen als Erfahrung
Eine weitere Schule, „Sparkling Minds“ am Stadtrand von Bangalore, arbeitet dagegen mit einem anspruchsvollen internationalen Lehrplan. Trotzdem steht auch hier das Kind im Mittelpunkt.
Lernen wird als Erfahrung gestaltet. Lesen beispielsweise bedeutet nicht nur, eine Geschichte aufzunehmen. Die Kinder überlegen, was sie aus einem Buch mitnehmen könnten, analysieren Figuren und ihre Entscheidungen und fragen sich, wie sie selbst handeln würden.
Auch der Umgang mit Emotionen wird bewusst gelernt. Die Kinder erweitern ihren Wortschatz für Gefühle und lernen dadurch besser zu verstehen, warum sie denken, fühlen und handeln, wie sie es tun.
Der Unterricht verbindet Experimente, Erfahrungen, Gruppenarbeit, selbstständige Recherche und Diskussionen. Nach der zehnten Klasse folgt ein eigenes Projektjahr, in dem die Jugendlichen intensiv an einem selbst gewählten Thema arbeiten.
Viele Absolventen könnten an den besten Universitäten des Landes oder sogar in den USA oder Europa studieren. Einige entscheiden sich dennoch bewusst gegen diesen Weg, weil sie etwas anderes verfolgen möchten.
Was bedeutet Lernen für blinde Menschen?
Ein weiterer Tag führte uns zu Equibeing. Gemeinsam arbeiteten wir an der Idee einer „School for Excellence“ – einer Schule, die nicht einfach für blinde Menschen gedacht ist, sondern blinde Menschen als Problemlöser stärkt.
In kleinen Gruppen entwickelten wir Ideen: Wie könnte eine solche Schule aussehen? Wie lassen sich Mathematik und Naturwissenschaften vermitteln? Wie können wir die öffentliche Wahrnehmung von blinden Menschen verändern – weg von der Vorstellung, sie seien Empfänger von Hilfe, hin zu Menschen, die selbst Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen entwickeln?
Eine Frage brachte dabei eine besondere Erkenntnis: Welcher andere Sinn ersetzt das Sehen?
Die spontane Antwort war: das Hören. Doch Cedric widersprach. Wenn es dunkel wird und er sein Handy oder seine Schlüssel sucht, benutzt er seine Hände und Füße, um den Weg zu ertasten – er „sieht“ gewissermaßen mit ihnen.
Diese einfache Beobachtung öffnete uns die Augen für eine ganz andere Perspektive.
Und die Diskussion blieb nicht ohne Folgen. Cedric überlegt nun, seine Kochkurse auch für blinde Menschen anzubieten. Ein weiterer Teilnehmer, der schon lange darüber nachdenkt, wie er Mädchen Zugang zu Bildung ermöglichen kann, denkt nun darüber nach, gezielt blinde Mädchen zu stärken.
Mit einem Rucksack voller Erfahrungen zurück
Am Ende kehrten wir mit einem Rucksack voller Erfahrungen, Ideen und neuer Fragen auf unseren Campus zurück.
Besonders beeindruckt hat mich, wie offen einige Teilnehmende waren, obwohl ihre eigenen Projekte gar nicht unmittelbar mit Bildung zu tun haben. Sie waren bereit, ihre bisherigen Vorstellungen infrage zu stellen und neue Erkenntnisse in ihre Arbeit einzubauen.
Wir waren mit großer Neugier aufgebrochen und kehrten mit unzähligen Eindrücken und neuen Ideen zurück.
Denn Lernen entsteht nicht allein dadurch, dass wir etwas erleben. Wir lernen, wenn wir bereit sind, darüber nachzudenken, Fragen zu stellen, zu diskutieren – und das Erlebte immer wieder neu zu betrachten.
