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Sara Tandel, Gruenderin von Mukhlasi - setzt sich ein gegen Missbrauch von Kinder

Nicht Deine Schuld!

    Als Überlebende von sexuellem Missbrauch in ihrer Kindheit weiß Sara Tandel, dass die Sicherheit von Kindern zunächst zu Hause gewährleistet sein muss. Sie kommt aus Mumbai und lernte schon früh, gehorsam gegenüber Älteren zu sein, auch wenn das hieß, über Ungerechtigkeiten zu schweigen. Erwachsene fördern, beabsichtigt oder auch nicht beabsichtigt die Unterwerfung von Kindern und machen sie damit angreifbar.
    Die liebevolle, aber doch kontrollausübende Herangehensweise ihrer Mutter brachte sie dazu, dass Missbrauch in der Familie nicht zum Thema gemacht wurde.
    Mit ihrer Initiative “Mukhlasi” (Freiheit), will sie die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern verändern.
    Durch Workshops möchte sie Kinder befähigen, sich Gehör zu verschaffen und sich so weit es geht gegen Übergriffe wehren zu können.

    von Sara Tandel

    “Betaa, küss mich doch!” beharrte mein 35-jähriger Cousin, während er meiner kleinen Nichte die Wange hinhielt. Sie fühlte sich sichtlich unwohl. Ihre Mutter unterstützte meinem Cousin: “Das ist dein Onkel, gib ihm einen Kuss.” Ich konnte nicht einfach wortlos zusehen, während sich diese Szene vor meinen Augen abspielte. Doch meine Erklärungen über Konsens, Freiwilligkeit und Grenzen wurden als “Sozialarbeiter-Gerede” vom Tisch gewischt. Vorfälle wie diese versetzten mich zurück in meine eigene Hilflosigkeit in der Kindheit. Ich war genauso verängstigt wie meine Nichte und konnte mich nicht gegen die widerwärtigsten Übergriffe wehren. Es handelte sich ja um Erwachsene, die ich zu respektieren gelernt hatte.

    Meine Mutter war alleinerziehend und sie tat alles in ihrer Macht, um sich gut um mich zu kümmern. Sie arbeitete hart als Haushaltshilfe und sparte jeden Cent, um sicherzustellen, dass ich nie hungrig schlafen ging. Sie passte sogar ihre Arbeitszeiten an, damit sie mich jeden Tag zur Schule bringen konnte und bezahlte extra Geld für zusätzlichem Unterricht. In unserer Hausgemeinschaft war sie eine verbindende Kraft. Sie integrierte alle Kinder, wir spielten Brettspiele und manchmal nahm sie uns mit zum Strand. Meine Mutter, eine glühende Nachfolgerin Jesu Christi, sprach darüber, wie Jesus über uns wache und uns immer vor bösen Menschen bewahre. Doch auch sie war Opfer unserer Kultur. Sie glaubte man müsse Ehrfurcht vor Älteren zeigen. Mir hatte sie indirekt beigebracht, zu schweigen, auch wenn Unrecht geschah.

    Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter mich inständig bat, nichts zu sagen, als ein männlicher Verwandter, der mindestens fünf Jahre älter war als ich, mich ärgerte und, vielleicht im Spaß, drohte, mir etwas anzutun. Ich glaubte ihm, denn er stürzte sich mit hoher Geschwindigkeit mit seinem Fahrrad auf mich und ich konnte ihm kaum ausweichen. Da meine Mutter es so wollte, sagte ich nichts dazu.

    Doch wohin hat mich diese Konditionierung geführt? Ich fiel in eine Krise nach dem anderen! Ein Nachbar gewann das Vertrauen meiner Mutter und verbrachte viel Zeit bei uns zu Hause. Er schenkte mir Snacks und erzählte mir Geschichten, während er mir auf vertraute Weise seine Hände auf meine Schultern legte. Die Berührungen wurden langsam intimer, aber es sei nur ein Spiel, das er auch mit seiner eigenen Tochter spielte. Ich war doch eine Prinzessin und daher etwas ganz Besonderes. Es blieb aber nicht bei diesen Spielen, es kam bald “Spielen”, bei denen er seine Genitalien in meine steckte. Es kam zur Vergewaltigung.

    Nun, er war nicht der Einzige, der meine Konditionierung ausnutzte. Da gab es einen Teenager, 11 Jahre älter als ich, ein Bauarbeiter in unserem Viertel. Immer wenn ich vorbei kam, machte er Anstalten, mich überall anzufassen.Sara klaert Kinder in Schulen auf damit sie ihre Rechte verstehen

    Auch meine männlichen Klassenkameraden, die meine pubertären Entwicklungen bemerkten, machten sich einen Spaß daraus, meine Brüste zu packen. Als Lehrer das sahen, wurde ich dafür als “böses Mädchen” gebrandmarkt und ganz vorne in die Klasse gesetzt. Mit 15 hatte ich einen 20-jährigen Freund, der mich erpresste und drohte, meiner Mutter zu verraten, dass wir in einer Beziehung seien. Er isolierte mich von allen um mich herum. Und in einem impulsiven Moment versuchte ich, durch Selbstmord zu entkommen. Ich schluckte eine Handvoll Pillen, aber es funktionierte nicht. Daraufhin musste ich noch mehr Pillen nehmen, um wieder gesund zu werden. Ich war verunsichert und sah mich durch die Augen der Erwachsenen als verdorbenes Mädchen. In anderen Momenten fühlte ich mich als Opfer. Ohne darüber zu reflektieren, was mir widerfuhr, lebte ich weiterhin in Angst vor meinem ersten Kinderschänder, der mich bis zu meinem 22. Lebensjahr vergewaltigte.

    Dann aber nahm ich an einem Programm teil, das in mir eine drastische Veränderung einleitete. Es ging unter anderem auch um sexuellen Missbrauch in der Kindheit und der Trainer meinte: „Was Euch auch immer widerfahren ist, es ist nicht Eure schuld!” Und er fügte hinzu: “Wenn Ihr mit diesen Erfahrungen erwachsen werdet, werdet Ihr immer zurückschauen, es wird Euch niemals loslassen! Erst wenn Ihr die Lücke, die in Euch klafft, schließen könnt.” Das war genug, um mir den Mut zu geben, meine Mutter anzurufen und ihr alles zu erzählen. Sie verstand und sagte mir, ich hätte sie in dieser Zeit ruhig um Hilfe bitten können. Sie wäre mir doch zu Hilfe gekommen. Mein nächster Anruf war beim Täter selbst. Ich stellte ihn wegen seiner Taten zur Rede. Bis heute schleicht er umher und geht mir um jeden Preis aus dem Weg. Dies war das erste Mal, dass ich einem, der älter war als ich, die Stirn bot und meine Grenzen deutlich machte. Das stärkte mein Selbstvertrauen enorm.

    Meine Erfahrungen als Freiwillige bei NGOs wie Akshara und dem United Way of Mumbai haben mir Einblick in Frauenrechte gegeben. Ich konnte mich nun auch theoretisch mit dem Thema Gewalt und Missbrauch gegen Frauen vertraut machen. Ich wurde eine aktive Teilnehmerin an all diesen Aktivitäten. Dies half mir bei meinem Abschluss in Sozialarbeit und bei der Arbeit mit verschiedenen NGOs, zum Beispiel Arpan, wo ich mit Kindern arbeiten durfte, die Opfer von sexuellem Missbrauch wurden.

    Und jetzt blicken wir mal schnell zum Anfang meiner Beschreibungen zurück. Da gibt es einen Erwachsenen, der einem Kind, dass sich sichtlich unwohl fühlt, etwas gegen seinen Willen aufzwingt. Und einen Elternteil, eine Person des Vertrauens, die sich nicht schützend vor das Kind stellt, sondern Gehorsam verlangt. Das muss sich ändern! Dafür widme ich mein Leben, meine Erfahrungen und meine Erkenntnisse der Fehler, die ich selbst gemacht habe, um sicherzustellen, dass Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen niemals in die Krisen geraten, in die ich geraten bin.

    In meiner Organisation “Mukhlasi”, was so viel wie “frei von allem” bedeutet, befähigen wir Kinder:
    – Zu erkennen, wenn sie für sexuellen Missbrauch präpariert werden, sei es Online oder Offline,
    – andere Situationen zu identifizieren, in denen sie dem Risiko von sexuellem Missbrauch ausgesetzt sein könnten,
    – sich von Tabus zu befreien und den Mut zu haben, sich vertrauensvoll Erwachsenen gegenüber zu öffnen,
    – ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken und
    – zu lernen, Grenzen in ihren Beziehungen zu setzen.
    Und natürlich spielen auch Erwachsene eine wichtige Rolle in unserer Vision, eine Welt frei von sexuellem Missbrauch an Kindern zu schaffen.

    Mehr ueber Sara’s Organisatin finden Sie auf:
    https://mukhlasi.org/

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